Die psychoanalytische Auseinandersetzung mit psychotischen Erkrankungen versucht bereits seit Freud das subjektive Erleben psychotischer Patient:innen und dessen unbewusste Determinanten zu verstehen. Früh wurde Psychose nicht als bloßer Defekt, sondern als spezifische psychodynamische Organisationsform und als primär interpersonelles und affektives Geschehen beschrieben, bei dem Beziehung zugleich existenziell notwendig und potenziell traumatisch ist. Regressions- und deutungszentrierte psychoanalytische Verfahren stießen bei psychotischen Patient:innen an ihre Grenzen.
Die Modifizierte Psychodynamische Psychotherapie für Schizophrenien (MPP-S, Lempa, von Haebler und Montag, 2016) passt die Technik an die relationale Vulnerabilität der Patient:innen an. Ausgangspunkt ist ein nicht symbolisch repräsentiertes Dilemma zwischen selbst- und objektbezogenen Strebungen (Mentzos), was psychotische Symptome als Restitutions- und Schutzversuch versteht, der Beziehung und Kohärenz zulasten einer gemeinsam geteilten Realität sichert.
Daraus ergibt sich eine Verschiebung technischer Schwerpunkte: In der Anfangsphase und in Krisen sind implizite, stellvertretend-regulierende, sowie strukturfördernde Interventionen zentral, die basale Ich-Funktionen wie auch eine gemeinsame Konstitution von Realität ermöglichen.
Der Vortrag stellt Grundlagen und methodische Aspekte mit Fallbezug dar und berichtet Ergebnisse einer kürzlich abgeschlossenen, randomisiert-kontrollierten Studie zur Effektivität von MPP-S im Vergleich zur psychiatrischen Regelversorgung, um den Stellenwert der psychodynamischen Verfahren in der Behandlung psychotischer Erkrankungen im aktuellen klinischen und wissenschaftlichen Diskurs zu stärken.
Moderation:
Tomislav Majić
Art der Veranstaltung:
Öffentlicher Vortrag
Anmeldung:
nicht erforderlich
Zertifizierung beantragt. Kostenfrei.
Ort:
Pariser Str. 44, 10707 Berlin Wilmersdorf
Wenn Freud auch nicht der erste war, der Träume für Heilungs- und Erkenntnisprozesse nutzen wollte, so hat er doch ganz entschieden dazu beigetragen, dass Träume bis heute Gegenstand therapeutischen wie wissenschaftlichen Interesses sind. Jedoch stehen wir in beiden Zugängen zum Traum nicht mehr dort, wo Freud einst aufgebrochen ist. Methoden verändern sich und die Annahme, dass therapeutisches und wissenschaftliches Schaffen so sehr Hand in Hand ginge, dass eins das andere impliziere, wird letztlich keinem der beiden Tätigkeitsbereiche gerecht. Anhand Mosers Traumgenerierungsmodells (Moser & Hortig, 2019; Moser & von Zeppelin, 1999) soll aufgezeigt werden, wie sich klinisches und wissenschaftliches Arbeiten am Traum bei aller Unterschiedlichkeit wechselseitig befruchten können.
Moderation:
Jonas Diekhans
Art der Veranstaltung:
Öffentlicher Vortrag
Anmeldung:
nicht erforderlich
Zertifizierung beantragt. Kostenfrei.
Ort:
Pariser Str. 44, 10707 Berlin Wilmersdorf
Die szenische Lesung Tatort Mittelmeer am Deutschen Theater Berlin (2025) beginnt mit dem Satz: »Ich spreche heute für …«. In dieser Lesung tragen Tatort Kommisar:innen Augenzeugenberichte sowie Geschichten von Bord des Rettungsschiffes, der Humanity 1, vor. Die Schauspieler:innen -allesamt Kommmisar:innen der deutschen Krimiserie Tatort– , die bei Tatort Mittelmeer auf der Bühne stehen, lesen Augenzeugenberichte von Crewmitgliedern und persönliche Fluchterfahrungen der Geretteten vor. Sie versuchen den Ungehörten Gehör zu verschaffen. Es ist jedoch die Frage, ob und vor allem wie das Gesagte überhaupt gehört wird. In der Psychoanalyse hat sich Karl Abraham mit seinem 1914 erschienen Artikel Ohrmuschel und Gehörgang als erogene Zone mit dem Zu-Hören als ein vermittelndes Organ zwischen dem Inneren und dem Äußeren beschäftigt und die Ohrmuschel und den Gehörgang als eine weitere erogene Zone neben dem Mundbereich, dem Anus und dem primären Geschlechtsorgan hinzugefügt. Hören, Zuhören, Lauschen, Horchen, Vernehmen, ein offenes Ohr haben, Gehör schenken, ganz Ohr sein: (Zu-) Hören meint »die Ohren spitzen«. In dem kleinen Band Zum Gehör mäandert der französische Philosoph Jean-Luc Nancy um den in seiner Einschätzung vernachlässigten Sinn des Hörens. Er sieht im Gehör beziehungsweise im Hören eine Spannung zwischen einem Sinn, den man hört und einer Wahrheit, die man (scheinbar) vernimmt. Hören wir im Zu-Hören von Marginalisierung und Diskriminierung zumeist paranoid zu? Kann die Psychoanalyse ein paranoides Zu-Hören entlarven? Wie kann sich ein paranoides zu einem nicht -paranoiden, ethischen Zu-Hören bewegen?
Moderation:
Luisa von Hauenschild
Art der Veranstaltung:
Öffentlicher Vortrag
Anmeldung:
nicht erforderlich
Zertifizierung beantragt. Kostenfrei.
Ort:
Pariser Str. 44, 10707 Berlin Wilmersdorf
In den letzten 25 Jahren wuchs die Anzahl der Menschen, die sich in ihrer Freizeit oder beruflich mit Videospielen befassen, enorm an. Die Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewussten kann in besonderer Weise einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Videospielen leisten. In diesem Vortrag soll der Versuch gewagt werden, eine mögliche psychoanalytische Herangehensweise an Videospiele vorzustellen. Im Zentrum wird das psychologische Horrorspiel Spiel „Silent Hill 2“ (Remake) stehen, das in besonderer Weise zum gemeinsamen Nachdenken und Deuten einlädt.
Moderation:
Dina Dolgin
Art der Veranstaltung:
Öffentlicher Vortrag
Anmeldung:
nicht erforderlich
Zertifizierung beantragt. Kostenfrei.
Ort:
Pariser Str. 44, 10707 Berlin Wilmersdorf